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Frauenkram

Die vierte Welle des Feminismus hat mich ergriffen. Ich lese Bücher über die Vulva und habe mir Judith Butler ins Bücherregal gestellt. Nicht ohne Grund: Hatte ich mich bislang nicht als Opfer von Geschlechterdiskriminierung gefühlt, so sind mir die gesellschaftlichen Benachteiligungen durch die Geburt meines Sohnes wie Schuppen von den Augen gefallen – und das trotz eines sehr unterstützenden Partners. Nun denn: Mein über alles geliebter Sohn ist inzwischen zweieinhalb und ich schlage mich angesichts der verschiedenen Anforderungen im Alltag ganz gut. Dennoch haben mich die veränderten Lebensumstände viel über mein Frauen- und Selbstbild nachdenken lassen, was nebenbei zu zwei Zeichnungen geführt hat, die allerdings und glücklicherweise nicht mein Selbstbild widerspiegeln, sondern vielmehr als zwei Attribute zu verstehen sind, die ein überkommenes Frauenbild symbolisieren: Lippenstift und Wäscheklammer.

Ruth Reiche: Lippenstift, 2019
Fineliner, Filzstift und Aquarell auf Papier, 25 x 25 cm

Ruth Reiche: Wäscheklammer, 2019
Fineliner, Filzstift und Aquarell auf Papier, 25 x 25 cm

Ruth Reiche: Lippenstift, 2019
Fineliner, Filzstift und Aquarell auf Papier, 25 x 25 cm

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Rethinking Linda Nochlin

The fact of the matter is that there have been no supremely great women artists, as far as we know, although there have been many interesting and very good ones, who remain insufficiently investigated or appreciated; nor have there been any great Lithuanian jazz pianists, nor Eskimo tennis players, no matter how much we might wish there had been. […] There are no women equivalents for Michelangelo or Rembrandt, Delacroix or Cezanne, Picasso or Matisse, or even, in very recent times, for de Kooning or Warhol, any more than there are back American equivalents for the same. If there actually were large numbers of ‚hidden‘ great women artists, […] then what are feminists fighting for?

Linda Nochlin, 1971

In ihrem für die feministische Kunstgeschichte wegweisenden Essay „Why have there been no great woman artists?“ (1971) geht Linda Nochlin  den Gründen für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Kunstwelt nach. Interessant ist hierbei, dass sie nicht dafür plädiert, dass weibliche Positionen in der Vergangenheit von einer vorwiegend männlich geprägten Kunstgeschichtsschreibung schlicht übersehen wurden, sondern feststellt, dass es tatsächlich keine – oder zumindest nur sehr wenige – Künstlerinnen gab (wie etwa Rosa Bonheur, Berthe Morisot oder Paula Modersohn-Becker), deren Werke qualitativ mit denen ihrer männlichen Kollegen vergleichbar sind. Selbstredend ist dieser Mangel nicht mit einem Mangel an Talent verbunden (wie man dreist annehmen könnte), sondern in gesellschaftlich-institutionellen Rahmenbedingungen begründet.  Es lassen sich gleich mehrere Faktoren benennen, die Frauen an der Ausbildung von Exzellenz hinderten: Zugangsbeschränkungen (Frauen waren früher z.B. nicht zum Kunststudium oder später nicht für Aktklassen zugelassen), soziale Reproduktion und familiärer Hintergrund (der Beruf wurde früher vom Vater z.B. selbstverständlich an den Sohn weitergegeben) und Rollenverständnisse (z.B. hat sich die Frau als Ehefrau und Mutter um das Wohl anderer zu sorgen und somit keine Zeit für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit einer bestimmten Materie). Während offensichtliche Zugangsbeschränkungen heute nicht mehr bestehen, nehmen familiärer Hintergrund und Rollenverständnisse nach wie vor Einfluss. Es ist damit anzunehmen, dass der Frauenanteil in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, aber nach wie vor keine Gleichheit erreicht ist.

Was läge näher, um auf einfachem Wege nachzuprüfen, ob heute mehr Künstlerinnen erfolgreich agieren als noch Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die documenta – eine der bedeutendsten Ausstellungsreihen weltweit – als Gradmesser näher ins Auge zu fassen? 1955 wurde sie erstmals auf Initiative von Arnold Bode in Kassel durchgeführt, um an die durch den Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg in Deutschland unterbrochene Kunstentwicklung anzuschließen und moderne Kunst wieder für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Seitdem findet die Großschau zeitgenössischer Kunst alle vier bzw. fünf Jahre statt und lockt Hunderttausende von Besucher*innen in die hessische Landeshauptstadt. Vergleicht man die Daten der ersten Schau (siehe documenta Retrospektive 1955) mit denen der documenta (13) im Jahr 2012 (siehe documenta Retrospektive 2012) ist tatsächlich ein Anstieg weiblicher Positionen festzustellen: 1955 waren lediglich sieben Künstlerinnen mit ihren Werken vertreten (gegenüber 140 männlicher Kollegen), 2012 waren es immerhin schon 66 Künstlerinnen (gegenüber 113 Künstlern; Künstlerpaare und -gruppen habe ich bei der Zählung nicht berücksichtigt). Die documenta (13) wurde kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev und bespielte neben dem Hauptstandort Kassel noch Schauplätze in Kabul, Alexandria-Kairo sowie Banff. Dass sich nicht nur im Geschlechterverhältnis etwas getan hat, sondern die Kunst global geworden ist, zeigt sich an den Namen der Künstler*innen, die nicht mehr nur überwiegend aus dem europäischen und US-amerikanischen Raum stammen, sondern aus Afghanistan, dem Libanon, Thailand, Indien, Mexiko, Simbawe, Südafrika, Georgien, Usbekistan, China, Ägypten, Kambodscha, der Türkei, Argentinien, Australien, Vietnam, Südkorea oder Japan. Es ließen sich noch viele weitere Faktoren berücksichtigen, um mehr Komplexität ins Spiel zu bringen, doch ging es mir hier – ganz plakativ – nur um das binäre Geschlechterverhältnis. Also schaut euch die Grafiken an und kämpft, liebe Frauen und Künstlerinnen, für die 50%!

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Uhren, die zweite…

… und die dritte. Meine erste umgestaltete Küchenuhr hat zwei Nachfolger bekommen: diesmal kriechen allerdings keine Schnecken im Uhrzeigersinn herum, sondern Schmetterlinge zeigen die Zeit an. Bei der einen Uhr verteilen sich Schwalbenschwänze in aufgelockerter Fraktalform über das Zifferblatt; bei der anderen ist es ein Tagpfauenauge, das von den Zeigern gleichsam aufgespießt und in einer Glasvitrine verwahrt zu sein scheint – aufbewahrt für die Ewigkeit.

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Space Invaders erobern Göttingen!

Space Invaders ist ein japanisches Arcade-Spiel aus den späten 1970ern. Die kleinen Figuren sind jedoch nicht nur in der virtuellen Welt zuhause, sondern erobern den öffentlichen Raum weltweit. Beim Flanieren durch die Stadt ist mir vor kurzem aufgefallen, dass die Invasion nun bis nach Göttingen vorgedrungen ist! Drei dieser Eindringlinge konnte ich heute fotografisch einfangen – aber: gibt es noch mehr von ihnen? Und wo verstecken sie sich?

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Kunstgeschichte im Digitalen Zeitalter

Am Samstag, den 30. November 2013 findet in München ein Studientag zur Kunstgeschichte im digitalen Zeitalter statt, organisiert von Sabine Scherz und Heike Messemer. Da u.a. auch ich dort mit einem Vortrag vertreten sein werde, muss dies natürlich mit einem Blogbeitrag zelebriert werden. Ich freue mich auf die vielen spannenden Beiträge und erwarte neue Impulse! Weitere Informationen zur Tagung sind auf der Homepage des Arbeitskreises für Digitale Kunstgeschichte zu finden.

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Animal Farm

Animal Farm, ein beeindruckender Roman von Orson Welles, wird zu einem Spiel, einem, meinem ersten Brettspiel. Wer hätte je gedacht, dass ich einmal auf die Idee kommen würde ein Spiel zu konzipieren? Ich nicht. Die Initialzündung lieferte ein sommerlicher Spieleabend mit Freunden, an dem wir uns mit einem unglaublich langweiligen Spiel abmühten, das 2006 sogar den Kritikerpreis erhielt. Der Gedanke: Das kann ich besser. Ein paar Monate später war der erste Prototyp fertiggestellt, der über Weihnachten dank einiger Testrunden mit meinen Eltern zu einer einigermaßen spielbaren Version heranwuchs und an Silvester seine Premiere im Freundeskreis erfuhr, so dass nun weiter an den Regeln gefeilt werden kann.

AnimalFarm_Prototyp

Die Spielidee: Nachdem die Tiere den grausamen Bauer von seiner Farm vertrieben haben, leben sie in Frieden miteinander. Doch sorgen Machtgier und Ressourcenknappheit schon bald für Konflikte. Wer nicht genug zu fressen hat, der stirbt. Doch wie kommt man an genug Futter? Schlägt man den Weg des Gemeinwohls ein oder lässt man lieber sein politisches Geschick spielen?

 

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Hummelstich

Am eigenen Leib musste ich heute erfahren, dass das Gerücht, Hummeln könnten gar nicht stechen, sondern nur beißen, nicht stimmt. Dies sei allen gesagt, die diesem Irrglauben immer noch anhängen! Hummeln können stechen und das tut verdammt weh! Der Tathergang: Eine Hummel war unbemerkt in mein Hosenbein gekrochen. Sie stach mich, was mich vor lauter Schmerz einen skurillen Tanz aufführen ließ, und starb. Ihre Ruhestätte fand sie auf meinem Balkon am Fuße einer Sonnenblume. Vor ihrem feierlichem Begräbnis  wurde sie jedoch zu Beweiszwecken mehreren Scanvorgängen unterzogen (auf den Bildern ist der Stachel eindeutig zu erkennen) und trat mit ihrem Lebensende so nicht nur ins Jenseits, sondern auch in die Sphäre der Kunst ein.

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The illustrated guide to a Ph.D.

Wer The illustrated guide to a Ph.D. von Matt Might noch nicht kennt, der sollte dies unbedingt nachholen. Jeder, der an einer Doktorarbeit schreibt, wird sich darin wiedererkennen, darüber schmunzeln und möglicherweise gleich ein wenig motivierter weiterarbeiten. Der lange Weg, der bis hin zur Grenze des bisherigen Wissens führt, um diese Grenze schließlich auch nur ein klein wenig auszuweiten, erscheint mir allerdings – sehr zu meinem momentanen Leidwesen – nicht so geradlinig wie dort dargestellt.

Also nicht so:

Sondern so:

 

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Pictor Doctus


Seit 28. Februar 2012 sind in der Göttinger Zentralmensa Bilder von KunsthistorikerInnen zu sehen, u.a. auch von mir. Die Ausstellung, die von Simone Arndt und Kristine Siebert initiiert wurde, beschäftigt sich mit dem Phänomen des malenden Kunsthistorikers, des so genannten Pictor Doctus:
Früher wie heute beinhaltet das Studium der Bildenden Künste völlig selbstverständlich auch Kenntnisse der Kunstgeschichte. Doch umgekehrt ist dies, zumindest offiziell, nicht der Fall, denn die künstlerische Praxis ist nicht im Studienplan angehender Kunsthistoriker enthalten. Tatsächlich findet sich kaum ein Kunsthistoriker, der sich nicht für eine gewisse Zeit selbst am praktischen Kunstschaffen versucht. Und warum auch nicht? Kann und darf man denn nicht beides sein? Kunsthistoriker und Künstler?

Ausstellende KünstlerInnen: Marija Brzoska, Marna Carlowitz, Nadja Dückmann, Laura Marahrens, Maria Pechstädt, Ruth Reiche, Imke Seidel, Kristine Siebert, Valerie Voß, Prof. Dr. Carsten-Peter Warncke.

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Blog, blog, hurra!

Dieser Blog ist ein Experiment, ein Experiment für mich, denn es ist mein erster Blog. Was die Inhalte, die Schwerpunkte dieses Blogs sein werden, wird sich deshalb noch zeigen. Seine Inhalte werden sich vermutlich wandeln, ebenso wie dies Interessen tun. Damit ist es schon angedeutet: Gefüttert wird dieser Blog mit all demjenigen, das mich auf produktive Weise beschäftigt, so dass er bestenfalls alle (Zwischen-)Ergebnisse meiner Aktivitäten, sei es auf künstlerischem oder wissenschaftlichem Gebiet, dokumentiert.