The Bird

Es ist beinahe sträflich, dass ich erst jetzt einen Blogartikel darüber verfasse, einen Artikel über mein Bilderbuch „The Bird“, das 2025 im Göttinger Verlag der Kunst erschien. Eigentlich gibt es dafür keine gute Ausrede – vielleicht die vielen Lesungen, die ich gegeben habe, Interviews im Radio oder bei Roberta Bergmann im Podcast „Der kreative Flow“, vielleicht ist das Medium „Blog“ einfach auch nicht mehr so interessant wie es das einmal für mich war. Aber – und hier kommt der entscheidende Punkt – das Buch ist ein solcher Meilenstein in meiner künstlerischen Karriere, dass ich nun doch noch einfach etwas dazu schreiben muss!

Wie hat es angefangen? Das war vor rund 10 Jahren. Nachdem ich mich mehrere Jahre lang rein theoretisch mit narrativen Strategien im kinematographischen Raum beschäftigt habe (siehe Edition Metzel) und mich hier insbesondere dem Phänomen des Loops als kuratorischer Praxis sowie erzählerischer Struktur beschäftigt hat, musste ich einfach selbst eine Geschichte gestalten, bei der das Ende auf den Anfang zurückverweist. Das Konzept war schnell erdacht, die Umsetzung dauerte: Zum einen hat sich bei diesem Projekt mein akribischer Zeichenstil mit einer Kombination aus Fineliner, Buntstift und Papier als Material entwickelt (für ein Bild in diesem Stil benötige ich über eine Woche), zum anderen musste ich Klinkenputzen gehen (was mir überhaupt nicht liegt). Doch nach einiger Zeit (und nach der Geburt meines Sohnes) war mein Prototyp fertig und ich bin damit in einer Mischung aus Stolz und massivem Unbehagen auf der Frankfurter Buchmesse herumgeirrt. Natürlich erfolglos.

2018 bin ich mit dem Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher WP Fahrenberg ins Gespräch gekommen (vielen sicherlich als Gründer des „Göttinger Elchs“, einem Preis für satirische Kunst, bekannt) und ich durfte meine Geschichte 2021 in der Ausstellung „Wi(e)der das Böse: Annäherungen an das Unerklärliche“ im Bomann-Museum in Celle (in Gesellschaft von meinen Idolen wie Horst Janssen oder Einar Turkowski) als multimediale Installation umsetzen: Im ersten Raum, dem White Cube, begegneten die Besucher*innen einer Krähe (gestaltet aus diversen Materialien wie Draht, Gips, Pappe, …), die von Vorurteilen über ihr ach so böses Wesen in Form von an die Wand geschriebenen Zitaten aus der abendländischen Kulturgeschichte (allen voran aus den Märchen der Brüder Grimm) umzingelt tapfer auf ihrem Podest verharrt; im zweiten Raum, der Black Box, werden die Besucher*innen mit dem Innenleben der Krähe konfrontiert, einer zweikanaligen Found-Footage-Videocollage aus Hitchcocks „Die Vögel“, unterlegt mit Musik von Daniel Kurzawe und einem von Alexander Klempel aka Unus Zerum eingesprochenen Krähenmonolog, in dem die Krähe darüber klagt, dass sie aus ihrer Rolle des Unglücksraben ausbrechen möchte. Ebenso wie die Krähe in der Geschichte ihrer Rolle entkommt, indem sie buchstäblich von innen aus einem Fernseher ausbricht (so wie das Mädchen in „The Ring“), so müssen auch die Besucher*innen die Black Box verlassen, die sich nun als riesiger Fernseher zu erkennen gibt; sie gelangen in den dritten Raum, die „Grey Area“, einem Käfig, in dem die Originalzeichnungen ausgestellt wurden und die Besuche*innen hierdurch realisieren, dass sie das Schicksal der Krähe aus der Bildgeschichte „The Bird“ teilen. Es bleibt ihnen nur eines: Den Schnabel zu wetzen und in die Freiheit zu entfliehen.

2024 kam der Göttinger Verlag der Kunst auf mich zu, ein Verlag, der sich auf die Produktion hochwertiger Kunstbücher und Fine Art Prints spezialisiert hat. Annika Zinger, eine Mitarbeiterin des Verlags, sowie die Geschäftsführerin Liane Reichl waren über ausgestellte Zeichnungen auf mich aufmerksam geworden. Wir haben meine Zeichnungen aus dem Projekt „Rote Liste“ für eine limitierte Edition ausgewählt und kamen im Zuge dessen auf mein Buchprojekt zu sprechen. Schnell war klar, dass das Buch in das Programm des Verlages passt und schon ein Jahr später hielten wir es dank der großartigen Arbeit des gesamten Teams in den den Händen!

Warum erzähle ich das so ausführlich? Zum einen, weil ich es hier dokumentieren möchte (ich vergesse meine Erfolge sonst schnell); zum anderen aber (und das ist eigentlich viel wichtiger), da ich anderen Künstler*innen Mut machen möchte, die auf Orten wie Buchmessen etc. immer wieder gegen unsichtbare Wände laufen und ihre Wunden lecken. Meine Lektion, die ich gelernt habe und weitergeben möchte, ist die, dass man die Dinge nicht erzwingen kann, sondern auf den Prozess vertrauen und dem Leben seinen Lauf lassen muss.