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PSYCHO*

PSYCHOMEAN:

PSYCHOMEDIAN:

PSYCHOMODE:

In den Clips PSCHOMEAN, PSCHOMEDIAN und PSYCHOMODE sind die Filmbilder von Hitchcocks PSYCHO (1960) nach bestimmten bildimmanenten Prinzipien neu zusammengefügt, so dass die Montage im Ergebnis eine andere ist und eine neue Narration entsteht. Dabei habe ich mich bewusst für eine Eingrenzung auf die berühmteste Szene des Films, den Mord unter der Dusche, beschränkt, um das jeweilige Prinzip und dessen Wirkung zu veranschaulichen. Die belassene und oft asynchron zur Neumontage verlaufene Tonspur dieser Szene bildet hierbei eine Referenz zum Original.

PSCHOMEAN, PSCHOMEDIAN und PSYCHOMODE sind ein Ergebnis meiner Beschäftigung mit automatischen Bildanalyseverfahren. Ich habe mich hier dem mean gray value, dem median gray value, sowie dem mode gray value experimentell genähert, indem ich zuerst die Einzelbilder der Duschszene extrahiert und mit ImageJ (Image Processing and Analysis in Java) analysiert habe, um sie dann aufsteigend geordnet neu zusammenzufügen. Dabei hat es mich fasziniert, dass es offenbar unmöglich ist, den narrativen Zusammenhang gänzlich zu zerstören, egal, in welche Reihenfolge die Bilder gebracht werden. Um die je unterschiedliche Verteilung im Original und in den Modifikationen aufzuzeigen, habe ich in einem weiteren Schritt sechs Diagramme mithilfe von ImagePlot erstellt. Sie zeigen die Höhe des jeweiligen Wertes zu einem bestimmten Zeitpunkt der Szene an.

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Mittel-, Median- und Modalwert gelten als die drei measures of central tendency und werden auf je andere Weise bestimmt. Interessant dabei ist, dass sich deren Werte trotz ihrer scheinbaren Ähnlichkeit unterscheiden. Dies machen die drei entstandenen Clips buchstäblich sichtbar: Der mittlere Grauwert stellt den Durchschnittswert dar, er ist die Summe der Grauwerte aller ausgewählten Pixel geteilt durch die Pixelanzahl. PSCHOMEAN ist deshalb von kurz aufflackernden Bildern geprägt. Da das Original jedoch so stark im kulturellen Gedächtnis verankert ist, sorgt die Erinnerung an die Duschszene für einen kohärenten Zusammenhang. Der Medianwert ist der mittlere Wert in einem aufsteigend geordneten Datenset. Die Kurve ist dem des Mittelwertes sehr ähnlich, im Ergebnis aber doch abweichend, denn PSYCHOMEDIAN ist weniger stark fragmentiert, einzelne Einstellungen sind wiederzuerkennen, die Bilder wiederholen sich aufgrund eines im Original eingesetzten Zooms rhythmisch. Der Modalwert schließlich ist der am häufigsten auftauchende Wert innerhalb eines Bildes. Er korrespondiert mit dem höchsten Punkt im Histogramm. PSYCHOMODE beginnt folglich mit langen Einstellungen, die jedoch gegen Ende immer kürzer werden und schließlich in ein Flackern übergehen, das den Schrecken des Mordes flashbackartig wiederzugeben scheint. Die Linearität ist in allen drei Varianten aufgehoben, ‚Vorher’ und ‚Nachher’ vermischen sich, so dass der alptraumhafte Mord als Vision oder aber paranoides Gedankenspiel Marion Cranes erscheint.

Mit diesem Experiment stehe ich in der Tradition einer Auseinandersetzung mit dem Erzählkino, gehe aber darüber hinaus, indem computergestützte Analyseinstrumentarien die Grundlage von PSYCHO* bilden. Die Auseinandersetzung mit dem Erzählkino ist eine Eigenart von Film- und Videoinstallationen wie sie seit Beginn der 1990er Jahre in Galerien und Museen anzutreffen sind. Eine bestimmte Form einer solchen Auseinandersetzung ist die des Remakes unter Verwendung von Found Footage. Douglas Gordon hat hier mit 24 HOUR PSYCHO (1993) Geschichte geschrieben. 24 HOUR PSYCHO zeigt Hitchcocks Original von 1960 verlangsamt abgespielt, auf 24 Stunden gedehnt. Inspiriert von dieser Vorgehensweise ist PSYCHO* entstanden, das als Remake eines Remakes zu verstehen ist, aber auch als Symbiose von Kunst und Technologie.

3 Gedanken zu „PSYCHO*

  1. Faszinierend, daß die resultierenden Videos noch so ansehnlich sind. Beim arithmetischen Mittel und beim Median leuchtet mir noch ein, welche Erkenntnisse über die Komposition des Films man daraus ziehen könnte. Aber ist der Modalwert hingegen nicht ziemlich zufällig? Beispiel: Ein Bild besteht aus zwei Flächen, einer rein weißen (#ffffff), die 40% des Bildes ausfüllt, und einer fast schwarzen, die 60% des Bildes ausfüllt. Nehmen wir weiter an, die dunkle Fläche bestünde je zur Hälfte aus Pixeln mit den Farben #000000 und #010101, wild gemischt. Würde dann der Algorithmus nicht sagen, die am häufigsten vorkommende Farbe wäre Weiß, wohingegen für das menschliche Auge Schwarz häufiger wäre?

  2. Ja, ich finde es auch unglaublich faszinierend, dass man sie noch so gut ansehen kann… wirken einfach nur völlig anders – eher vielleicht wie Musikvideos. Dein Beispiel zum Modalwert ist ziemlich griffig und trifft den Nagel auf den Kopf, was den Unterschied zwischen pixelgenauer Bestimmung und menschlicher Wahrnehmung angeht. Dieser scheinbare Nachteil könnte jedoch dann von Vorteil sein, wenn es darum zu untersuchen geht, wie sich Wahrnehmung und Farbverteilung zueinander verhalten. Nähme man an, man hat ein grünes Bild vorliegen, dann könnte der Modalwert anzeigen, dass nicht grüne Pixel, sondern gelbe und blaue Pixel überwiegen, also auf optische Mischung spekuliert wurde.

  3. …wobei ein Filmregisseur natürlich in der Regel keine Pixel nebeneinander setzt, sondern unterschiedlich farbige Gegenstände zu Bildflächen komponiert. Vielleicht wäre es hilfreich, vor der Modusanalyse einen Algorithmus über die Bilder laufen zu lassen, der eine „gemischte“ Farbe als eine einzige Farbe erkennt, bzw. der ähnliche Farben zusammenfasst. Sowas gibt’s bestimmt schon.

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