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Rethinking Linda Nochlin

The fact of the matter is that there have been no supremely great women artists, as far as we know, although there have been many interesting and very good ones, who remain insufficiently investigated or appreciated; nor have there been any great Lithuanian jazz pianists, nor Eskimo tennis players, no matter how much we might wish there had been. […] There are no women equivalents for Michelangelo or Rembrandt, Delacroix or Cezanne, Picasso or Matisse, or even, in very recent times, for de Kooning or Warhol, any more than there are back American equivalents for the same. If there actually were large numbers of ‚hidden‘ great women artists, […] then what are feminists fighting for?

Linda Nochlin, 1971

In ihrem für die feministische Kunstgeschichte wegweisenden Essay „Why have there been no great woman artists?“ (1971) geht Linda Nochlin  den Gründen für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Kunstwelt nach. Interessant ist hierbei, dass sie nicht dafür plädiert, dass weibliche Positionen in der Vergangenheit von einer vorwiegend männlich geprägten Kunstgeschichtsschreibung schlicht übersehen wurden, sondern feststellt, dass es tatsächlich keine – oder zumindest nur sehr wenige – Künstlerinnen gab (wie etwa Rosa Bonheur, Berthe Morisot oder Paula Modersohn-Becker), deren Werke qualitativ mit denen ihrer männlichen Kollegen vergleichbar sind. Selbstredend ist dieser Mangel nicht mit einem Mangel an Talent verbunden (wie man dreist annehmen könnte), sondern in gesellschaftlich-institutionellen Rahmenbedingungen begründet.  Es lassen sich gleich mehrere Faktoren benennen, die Frauen an der Ausbildung von Exzellenz hinderten: Zugangsbeschränkungen (Frauen waren früher z.B. nicht zum Kunststudium oder später nicht für Aktklassen zugelassen), soziale Reproduktion und familiärer Hintergrund (der Beruf wurde früher vom Vater z.B. selbstverständlich an den Sohn weitergegeben) und Rollenverständnisse (z.B. hat sich die Frau als Ehefrau und Mutter um das Wohl anderer zu sorgen und somit keine Zeit für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit einer bestimmten Materie). Während offensichtliche Zugangsbeschränkungen heute nicht mehr bestehen, nehmen familiärer Hintergrund und Rollenverständnisse nach wie vor Einfluss. Es ist damit anzunehmen, dass der Frauenanteil in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, aber nach wie vor keine Gleichheit erreicht ist.

Was läge näher, um auf einfachem Wege nachzuprüfen, ob heute mehr Künstlerinnen erfolgreich agieren als noch Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die documenta – eine der bedeutendsten Ausstellungsreihen weltweit – als Gradmesser näher ins Auge zu fassen? 1955 wurde sie erstmals auf Initiative von Arnold Bode in Kassel durchgeführt, um an die durch den Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg in Deutschland unterbrochene Kunstentwicklung anzuschließen und moderne Kunst wieder für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Seitdem findet die Großschau zeitgenössischer Kunst alle vier bzw. fünf Jahre statt und lockt Hunderttausende von Besucher*innen in die hessische Landeshauptstadt. Vergleicht man die Daten der ersten Schau (siehe documenta Retrospektive 1955) mit denen der documenta (13) im Jahr 2012 (siehe documenta Retrospektive 2012) ist tatsächlich ein Anstieg weiblicher Positionen festzustellen: 1955 waren lediglich sieben Künstlerinnen mit ihren Werken vertreten (gegenüber 140 männlicher Kollegen), 2012 waren es immerhin schon 66 Künstlerinnen (gegenüber 113 Künstlern; Künstlerpaare und -gruppen habe ich bei der Zählung nicht berücksichtigt). Die documenta (13) wurde kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev und bespielte neben dem Hauptstandort Kassel noch Schauplätze in Kabul, Alexandria-Kairo sowie Banff. Dass sich nicht nur im Geschlechterverhältnis etwas getan hat, sondern die Kunst global geworden ist, zeigt sich an den Namen der Künstler*innen, die nicht mehr nur überwiegend aus dem europäischen und US-amerikanischen Raum stammen, sondern aus Afghanistan, dem Libanon, Thailand, Indien, Mexiko, Simbawe, Südafrika, Georgien, Usbekistan, China, Ägypten, Kambodscha, der Türkei, Argentinien, Australien, Vietnam, Südkorea oder Japan. Es ließen sich noch viele weitere Faktoren berücksichtigen, um mehr Komplexität ins Spiel zu bringen, doch ging es mir hier – ganz plakativ – nur um das binäre Geschlechterverhältnis. Also schaut euch die Grafiken an und kämpft, liebe Frauen und Künstlerinnen, für die 50%!

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Die gelbe Tapete

In meinem ganzen Leben habe ich noch keine so schlimme Tapete gesehen. Sie hat ein wildwucherndes, üppiges Muster, das allen Regeln der Kunst zuwiderläuft. Es ist so wirr, daß einem die Augen flimmern, wenn man dem Muster nachspürt, so ausgeprägt, daß es ständig irritiert und näheres Hinsehen verlangt; und folgt man den schwachen, unsicheren Kurven eine kurze Strecke, dann begehen sie plötzlich Selbstmord – tauchen in haarsträubenden Winkeln ab, zerstören sich in unerhörten Widersprüchen. Die Farbe ist abstoßend, geradezu ekelhaft, es ist ein schwelendes, schmutziges Gelb, das von dem langsam wandernden Sonnenlicht merkwürdig ausgebleicht wurde. An manchen Stellen ist es ein mattes und doch schreiendes Orange, an anderen ein kranker Schwefelton.

Charlotte Gilman Perkins, 1892

Mit „The Yellow Wallpaper“ (dt. „Die gelbe Tapete“) schrieb Charlotte Gilman Perkins Literaturgeschichte. Die autobiografisch geprägte Kurzgeschichte handelt von einer Frau mit postnataler Depression, die von ihrem Ehemann, einem Arzt, eine Ruhekur verschrieben bekommt. Im eigens dafür angemieteten Sommerhaus soll sie sich erholen. Die Einrichtung des ihr zugewiesenen Zimmers wird von einer gelben Tapete dominiert, die bald auch ihre Gedanken voll und ganz einnimmt. Dass dies nicht unbedingt heilsam ist, sondern zu einer ausgeprägten Psychose führt, schildert sie eindrücklich.

Im Göttinger Salon für Kunst und Kultur – kurz Sakuku – fand am 5. April 2018 eine Lesung der Kurzgeschichte mit Klangspiel statt. Parallel und ergänzend hierzu wurde eine Ausstellung konzipiert, zu der auch ich drei Bilder beigetragen habe. Gezeichnet mit Fineliner auf Papier, Format: 10 x 15 cm. Das Gelbe in den Bildern ist Bananenpapier, faserig und von einer rauen Haptik. Steht das Papier in dem einen Bild noch buchstäblich für die Tapete, hinter der ein Auge hervorlugt, so fungiert es in den anderen beiden als stark wucherndes Haar einer Frau, sei es der Autorin oder Protagonistin.

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Narr Em

Eine Kurzgeschichte.

Es war ein Tag im September, einer dieser Tage, an denen unklar ist, ob noch Sommer ist oder doch schon Herbst. Ich verließ das Haus bei strahlendem Sonnenschein, um ein paar Einkäufe zu erledigen, und schwitzte bereits nach ein paar Metern, da ich mich zu warm angezogen hatte. Ich trug ein Sommerkleid, darüber einen Mantel aus dichtem Wollstoff. Kaum hatte ich mich meines Mantels entledigt, schob sich eine Wolke vor die Sonne und eine heftige Windböe ließ die Blätter rauschen und mich frösteln. Ich zog meinen Mantel wieder an.

Ich besorgte Zahncreme in der Drogerie, frisches Brot beim Bäcker und kaufte ein paar Eier, Butter, Champignons, Petersilie und Zwiebeln im nahegelegenen Supermarkt. Heute Abend wollte ich mir ein einfaches Omelette machen, ganz für mich allein. In Gedanken hackte ich bereits die Petersilie, schwenkte Zwiebeln und Pilze in der Butter, als mich ein Regentropfen mitten ins Gesicht traf. Sein kaum hörbarer Platsch beförderte mich zurück in die Gegenwart. Ich blickte auf und sah mich einer dunklen Wolkenfront gegenüber.

Einen Regenschirm hatte ich natürlich nicht dabei. Da die Tropfen mit zunehmend geringer werdendem Abstand fielen und ich einen heftigen Guss erwartete, beschloss ich Schutz zu suchen und zu warten bis der Schauer vorübergezogen ist. Ich sah mich um und entdeckte unweit ein kleines Vordach.

Das Vordach gehörte zu einer Galerie, die ich bislang noch nie wahrgenommen hatte. Wie schlecht man doch seine Umgebung kennt, dachte ich mir und freute mich über diese unverhoffte Entdeckung. Neugierig beäugte ich den Eingang, eine Glastür, an der ein Zettel von innen mit Tesafilm befestigt worden war: „Die Galerie hat heute geschlossen. Bitte treten Sie ein.“

Ich ging hinein, stellte meine Einkaufstüte ab und sah mich um. Der Raum war schlicht rechteckig geschnitten, keine Vorsprünge, keine Erker. Wie für Ausstellungsräume üblich, waren die Wände weiß getüncht, der Putz an einigen Stellen jedoch abgeblättert, so als hätte sich schon lange niemand mehr die Mühe gegeben, den sterilen Charakter des Kunstraumes aufrecht erhalten zu wollen. Durch ein kleines vergittertes Fenster drang das Licht nur gedämpft ins Innere, weshalb ein bläulich flackerndes Neonlicht die Lichtstimmung dominierte. Der ehemals sicherlich penibel gewienerte Boden war mit tiefen Kratzern und unzähligen Flecken übersät, Spuren einer bewegten Vergangenheit.

Eine Maus huschte vorüber, beäugte mich skeptisch und verschwand dann in einer Ritze, die dort aufgestellte Mausfalle geschickt umgehend. „Die Maus ist das Narrem“, tönte es blechern aus einem Lautsprecher. Ich weiß nicht, was von beidem mich mehr irritierte, die kluge Maus oder die Durchsage. Oder das Arrangement, dem ich mich gegenübersah.

Es war mir auf den ersten Blick nicht ersichtlich, ob es sich um lebende Figuren oder aus Wachs nachgebildete handelte, so reglos saßen sie da. Die eine Figur, ein Narr, trug einen weißen Kittel, der ein bisschen so aussah wie der Kittel eines Laboranten, der mit Farbe besudelt war. Besonders die linke Seite war mit vielen Farbschichten bedeckt, so dass der Stoff nicht mehr fließend fiel, sondern ganz steif war. Daraus schloss ich, dass der Narr ein Linkshänder ist. Vielleicht ist das ja noch von Bedeutung, dachte ich. Die andere Figur, vermutlich ein Professor, trug ein dunkelblaues Sakko, am Rücken und in den Armbeugen verknautscht. Hornbrille, grau meliertes Haar, blasse, vom Rauchen leicht gelblich gefärbte Haut. Der Prototyp eines Wissenschaftlers, von der Ausstrahlung wahrlich nicht lebendiger als manche Plastiken Robert Gobers.

Das rechte Augenlid des Professors zuckte. Vermutlich machte ihn das Flackern des Neonlichtes nervös. Auch mich machte das Flackern unruhig. Außerdem stank es in dem Raum, als ob jemand in die Ecke uriniert und seine Ausscheidung mit Sauerkraut vermengt hätte. Ich überlegte wieder zu gehen, doch ein Blick nach draußen genügte, um mich davon zu überzeugen, trotz des unangenehmen Geruchs noch ein wenig zu verweilen.

Ich beobachtete also die beiden Männer, um mir die Zeit zu vertreiben. Sie saßen sich gegenüber. Der Narr starrte den Professor feindselig an. Dieser hingegen ließ seinen Blick locker im Raum umher schweifen, nicht dem Blick des Narren ausweichend, sondern gekonnt ignorierend. Hin und wieder aber, in einem unachtsamen Augenblick, wenn der Professor die Anwesenheit des Narren beinahe vergessen zu haben schien, kreuzten sich ihre Blicke. Doch sie schwiegen. Sie redeten kein Wort, nicht seitdem ich die Galerie betreten hatte. Sie schwiegen seit Stunden, seit Monaten, wenn nicht sogar seit Jahren, dem Staub auf ihren Schultern nach zu schließen.

Mich nahmen sie nicht wahr. Das fuchste mich. Warum kann ich nicht sagen. Vielleicht ein Gefühl von mangelnder Anerkennung. Jedenfalls stellte ich mich unmittelbar neben sie, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, lief um sie herum, aber selbst als ich mich mit Herzklopfen zu ihnen an den Tisch setzte, reagierten sie nicht. Beschämt stand ich wieder auf. Ich fühlte mich plötzlich völlig fehl am Platz. Ich wollte etwas sagen, doch ich bekam meine Lippen nicht auseinander. Da ich es nicht wagte das Schweigen zu brechen, beschloss ich in aller Stille abzuwarten. Außerdem schüttete es draußen immer noch wie aus Eimern. Das war der eigentliche Punkt.

Ich zog meinen Mantel aus, setzte mich auf den Boden und wartete. Lange. Man kennt ja diese Performances, bei denen es um den Ausdruck von Präsenz geht, doch darum ging es hier nicht. Das spürte ich. Ich fragte mich, worüber die beiden gesprochen hatten. Es musste schließlich einen Grund für das unerträgliche Schweigen geben. Vermutlich hatten sie gestritten. Vielleicht litten die beiden aber auch an einer Stimmbandentzündung und mussten ihre Stimmen schonen. Unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Oder sie stört meine Anwesenheit, mutmaßte ich in einem Anflug von Selbstzweifel. Aber nein, natürlich nicht. Es ist einfach nur die Gesprächspause eines langen Dialoges, dessen Anfang ich verpasst habe. Da war ich noch nicht geboren.

Ich dachte an Brian und spreizte unwillkürlich meine Beine, so dass man sehen konnte, dass ich keinen Slip trug. Doch auch dies brachte die beiden Herren nicht aus der Fassung. Ein zuckendes Augenlid, gleichmäßiges Atmen. Ansonsten keine Reaktion. Es passierte einfach nichts. Langeweile überkam mich. Und es regnete immer noch. Meine Gedanken schweifen ab. Brian hat ein paar gute Aufsätze geschrieben. Ich habe sie alle gelesen – und größtenteils wieder vergessen. Aber ihn, ihn kann ich nicht vergessen.

 

*

 

Brian war gerade zu mir gezogen, als er auch schon wieder auszog. „Es ist so kühl hier“, sagte er. Vielleicht hätte ich nachgeben und die Wände farbig streichen sollen.

 

*

 

„Versteh’ doch endlich, du bist nicht einfach nur ein Narr, der tun und lassen kann, was er will, du bist ein Narr mit dem Namen Em, du bist ein Narrem! Du sorgst für Narrativität, überall dort, wo du auftauchst! Aber Kunst beginnt nun mal da, wo das Erzählen aufhört. Das ist der Grund, weshalb man dich lange nicht hier haben wollte. Doch nun sitzt du mit mir an diesem Tisch. Daran lässt sich nicht rütteln. Also erzähle endlich deine Geschichte“, polterte der Professor in die Stille hinein und durchbrach meine Erinnerungen. Brian mochte keine weißen Wände, ich schon.

„Meine Geschichte ist zu lang, um sie hier zu erzählen. Das weißt du doch. Immerhin haben Menschen schon immer Geschichten geliebt, haben erkannt, dass das Erzählen ein Mittel darstellt, um den Dschungel aus anscheinend unzusammenhängenden Geschehnissen zu ordnen und so ihr Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit zu befriedigen. Aber abgesehen davon, ich muss sagen, es belustigt mich, dass du mir nun doch zugestehst, ja sogar die Rolle aufdrückst, ein Faktor für Narrativität zu sein. Ich muss dich daher nochmals fragen, meinst du wirklich allen Ernstes, meine bloße Anwesenheit mache etwas erzählerisch? Nur deshalb, weil ich eine Figur bin, eine Figur mit einem Namen? Ist das nicht zu wenig?“, fragte Em und lächelte schief.

Sein Lächeln steigerte sich zu einem irren Lachen, kippte um in ein hysterisches Gelächter und Gackern, das der Professor mit einem heftigen Zucken seines Augenlids quittierte. Ich blickte nach draußen, der Regen hatte nachgelassen. Reflexartig stand ich auf, setzte mich nach einem kurzen Moment des Innehaltens dann aber doch wieder. Immerhin schien die Geschichte allmählich ins Rollen zu kommen und ich hatte es nicht eilig mit meinem Omelette.

„Nein, ist es nicht“, unterbrach der Professor das schelmische Glucksen. „Das habe ich dir doch schon mehrmals erklärt: Sobald eine Figur ins Spiel kommt, scheint sie auch schon zu agieren, selbst wenn sie ganz still steht. Und bei mehreren Figuren fragt man sofort nach deren Beziehung, was unausweichlich zu einer Art von Geschichte führt. Nimm doch einmal unsere Situation. Wir beide sitzen hier an diesem Tisch und transformieren damit diesen zugegebenermaßen ziemlich verlotterten Galerieraum in einen Erzählraum. Und dann kommt da auch noch diese Frau daher und sorgt mit ihrem Auftreten für weiteren Zündstoff.“

„Ach ja? Sie hat doch noch nicht einmal etwas gesagt.“ Der Kommentar des Narren kratzte an meinem Selbstbewusstsein, wusste ich doch selbst nicht so recht, weshalb ich immer noch kein Wort herausbrachte.

„Sie versucht die Handlung zu beeinflussen. Merkst du das nicht?“ Schon besser.

„Nun ja, sie beobachtet uns. Aber glaubst du wirklich, dass sich dadurch der Narrativitätsgrad dieses Raumes merklich steigert? Du tust mir leid, du mit deiner Vorliebe für Geschichten, die gar keine sind. Mir ist das Ganze noch viel zu langweilig. Wir brauchen einen handfesten Konflikt.“ Mit diesen Worten stand er auf und gab dem Professor eine Ohrfeige.

„Em, bist du völlig närrisch geworden?“

„Erst die eine Wange, dann die andere“, kicherte der Narr und verpasste dem Professor einen weiteren Hieb.

„Hör auf damit. Der Raum, in dem wir uns befinden, ist auch ohne deine Narreteien schon höchst erzählerisch. Immerhin ist seine Geschichte verwoben mit dem Theater, das wir hier aufführen“, wich der Professor dem nächsten Angriff geschickt aus.

„Du liegst falsch. Das Drama, das wir hier aufführen, kann überhaupt nicht narrativ sein. Hast du noch nie davon gehört, dass Geschichten erzählt werden müssen? Und sie macht den Mund einfach nicht auf.“ An dieser Stelle warf der Narr mir einen zornigen Seitenblick zu. Als wäre ich der Erzähler dieser Geschichte.

„Wir bieten genügend Anreiz, um die Fantasie zu beflügeln“, holte der Professor nun seinerseits zum Schlag aus. „Die da drüben“, zeigte er auf mich, „hat bestimmt schon ihre eigene Version der Geschichte entwickelt, die erklärt, wer wir sind, was wir machen, was das Ganze hier soll.“

„Hat sie das?“, kreischte der Narr und sprang auf mich zu.

 

*

 

„Die Maus ist kein Narrem“, verabschiedete ich mich hastig, froh doch noch etwas zu diesem seltsamen Schauspiel beizutragen, und stolperte ins Freie. Erleichtert atmete ich die frische Luft ein. Schon wieder ziehen Wolken auf, stellte ich fest, zog meinen Mantel eng um meine Taille und eilte schnell nach Hause, um mir endlich mein wohlverdientes Omelette zu bereiten.

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Freiheit

Ei – Taube – Stacheldraht. Drei Bilder, die assoziativ miteinander verknüpft sind und eigens für die Ausstellung „Reformation und Freiheit“ angefertigt wurde, die am 25. Januar in Hannover eröffnet und bis 2. März im Foyer des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover) zu sehen sein wird. Die Ausstellung ist eine Initiative des Illustratorennetzwerkes Hannover und neben mir stellen weitere sieben Künstlerinnen und Künstler aus Hannover und Umgebung aus. Dies sind Christina Vera-Eick, Susanne Eisermann, Anna Hammer, Evelyn Neuss, Anja Rommerskirchen, Thomas Rudat und Bernd Struckmeyer.

Was hat ein Ei mit einer Taube zu tun? Das ist einfach: Vögel schlüpfen aus Eiern. Und was hat die Taube mit dem Stacheldraht zu tun? Die weiße Taube als ein Symbol des Friedens trifft hier auf den Zaun als ein Symbol für Abgrenzung, Krieg, Zerstörung. Da wären wir wieder beim Ei, das gesehen werden kann als eine Welt, die zerstört werden muss, um eine neue zu erfahren. Nur indem die Taube das Ei zerstört, kann sie ihre Flügel ausbreiten und jeden Zaun überwinden, sei er aus Stacheldraht oder mental.

Der Zaun als physische Manifestation gedanklicher Barrieren ist in der Flüchtlingskrise gegenwärtig, zu Zeiten Martin Luthers waren Widerstände aber ebenso virulent. Seiner Reformbewegung kam die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um 1440 entgegen, denn erst der Druck mit beweglichen Lettern ermöglichte die weite Verbreitung seiner Bibelübersetzung. Um hieran zu erinnern, sind die drei Bilder Ei  – Taube – Stacheldraht in klassischer Hochdrucktechnik ausgeführt.