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Pendelbaum

Es gibt Spaziergänge, die lange nachwirken. Vergangenen Winter habe ich zusammen mit Alex einen solchen Spaziergang entlang der Isar unternommen. Wir haben viel geredet, die Dinge gedreht und gewendet, waren auf der Suche nach grundlegenden Prinzipien, die die Forschung, das Leben, die Kunst bestimmen. Inspiriert hiervon ist ein kurzer Text entstanden, eine Geschichte, die danach verlangt hat, illustriert zu werden. Die Zeichnung ist nun, fast ein Jahr später, endlich fertig – und damit auch der Blogeintrag. 

Pendelbaum

Die ewige Suche nach dem Kern ist es, die Zarah schon ihr ganzes Leben lang begleitet, die sie einerseits fesselt, gebunden hält, andererseits immer wieder weiterziehen lässt, nur um sie letztlich immer wieder dieselben Strukturen entdecken zu lassen. Zarah ist Wissenschaftlerin. Sie liebt es in die Tiefe zu dringen, um das zu finden, was jenseits dessen liegt, an dem sie gerade arbeitet. Das ist es, was sie antreibt, aber auch so unglücklich macht. Ein Ankommen gibt es in diesem Denken nicht. So treibt es sie immer weiter. Sie überwindet die Grenzen ihrer eigenen Disziplin, weitet sie aus, zieht Parallelen zwischen den Dingen, und sieht, dass alles Eins ist.

Zarah nimmt die Grenzen zwischen den Disziplinen nicht als Grenzen wahr, sondern als Aufforderung zu deren Überwindung. Grenzen, denkt sie, werden allein aus dem Grund geschaffen, um einen Bereich abzustecken, um ihn übersichtlicher zu machen. Es ist ein Armutszeugnis, das die Beschränktheit menschlichen Denkens aufzeigt, denn diese Grenzen versperren die Sicht auf das, was allen Bereichen gemeinsam ist. Sie verschleiern, dass alles Eins ist.

Auf einem ihrer Spaziergänge mit Eins-Null spricht Zarah mit ihm darüber, dass alles miteinander verbunden ist. Auf diesen Gedanken sind schon viele Menschen gekommen, stellen sie fest, und doch scheint es so, als müsste jeder aufs Neue auf diesen Gedanken kommen, ihn in sein System integrieren, seine eigenen Begrifflichkeiten finden. So kommt es, dass jede Kultur, jede Wissenschaft andere Termini nutzt und es nur schwer zu einem Austausch kommt. In Zarah flackert deshalb für einen kurzen Augenblick die Idee auf, alle diese Begrifflichkeiten zu kartieren, um aufzuzeigen, dass die Menschen alle von der gleichen Sehnsucht getrieben werden, aber sie nur wenige in Worte zu fassen vermögen. Eins-Null ist gut darin, Dinge in Worte zu fassen. Die Worte werden im Laufe des Gesprächs zu einem Bild, zu einem Bild eines Baumes, das Zarah zeichnet. Es zeigt, dass alles Eins ist.

Der Baum ist riesig. Beginnt man damit, sich in ein neues Gebiet einzuarbeiten, dann greift man nach einem kleinen Zweig und begreift schon bald, dass es in diesem Gebiet nicht nur diesen einen Zweig, sondern eine schier unüberschaubare Anzahl solcher kleinen Zweige gibt, und fragt sich, wie diese miteinander verbunden sind. Hangelt man sich von Ast zu Ast, gewinnt man allmählich Orientierung, nimmt einen Standpunkt ein und baut sich gleichsam ein Nest, fest verankert zwischen zwei Astgabeln. Diese Position gilt es fortan zu verteidigen. Auf seinen Ausflügen kommt man mit anderen Nestbauern in Berührung, man tauscht sich aus, spinnt Kontakte, so dass Querverbindungen entstehen, fragil, spinnwebengleich. Man begreift immer mehr, wagt sich weiter in das Dunkel der Krone vor bis die Äste dicker werden und zu einem Stamm zusammenlaufen. Es gilt den Stamm hinab zu rutschen, hin zu den Wurzeln. Sie führen in das Zentrum, das alles verbindet. Dort endlich angekommen, erkennt man, dass alles Eins ist.

Im Kern herrscht Ruhe, aber auch Stillstand. Dort zu verweilen bedeutet den Tod. Man kann sich dort ein wenig ausruhen, doch dann gilt es Neuland zu erkunden, den festen Boden unter den Füßen wieder zu verlassen. Der Ausgangspunkt ist bekannt, das Herz weist den Weg. Man vertieft sich in das neue Gebiet, erklimmt einen neuen Baum. Oben angekommen, merkt man wie weit man sich vom Kern entfernt hat. Der Rückweg beginnt, alles sieht anders aus, hat sich mit der neuen Perspektive gewandelt. Man sieht einen knospentreibenden Baum vor sich oder vielleicht einen Baum, der goldenes Herbstlaub trägt, und erkundet werden will. Vielleicht sieht aber auch noch alles gleich aus und man möchte sich vergewissern, dass noch alles gleich ist? Vielleicht sind neue Zweige gewachsen, andere abgebrochen. Vielleicht geht man diesmal einen anderen Weg, baut sich ein neues Nest, wischt die Spinnweben fort. Wie es auch kommen mag, es ist diese Bewegung hin- und her zwischen den Enden des doppelten Baumes, die Zarah nicht innehalten lässt, die ihr Leben wie zwischen zwei Polen hin- und herpendeln und spüren lässt, dass alles eins ist.

Der Kern ist der Umschlagpunkt, der Punkt, an dem sich alles umkehrt. Er ist der Punkt, an dem die beiden Extreme des Pendelschlags gleich weit voneinander entfernt liegen, der Punkt, der die beiden Pole verbindet. Er ist der Punkt, an dem die Dualität überwunden wird. Und dies ist der Grund, weshalb Eins-Null fortan nicht mehr Eins-Null heißt. Denn: Alles ist eins.

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Bert brach Olt die Ohren

Bert hielt sich in den letzten Tagen, nein: Wochen, Monaten, keine einzige Sekunde in seinem Atelier im Dachgeschoss eines alten Bauernhauses auf, sondern verbrachte seine freie Zeit am Schreibtisch, genauer: an seinem neuen Spielzeug, einem digitalen Bildbearbeitungs­programm. Über die Jahre hinweg hatte er hunderte, wenn nicht gar tausende von Fotografien seines treuen Albinokaninchens, dem er aus Jux den Namen Olt gegeben hatte und das alljährlich von der Schlachtbank verschont blieb, da es sich als geduldiges Modell erwies, angefertigt, die er nun endlich zu überarbeiten gedachte. Er experimentierte mit Filtern, mit Masken, probierte sämtliche Transformationseffekte aus, die das Programm ihm zu bieten hatte, er justierte Gradationskurven, manipulierte Tonwerte, dehnte und verzerrte in seinem nicht enden wollenden Wahn die Bilder Olts, die immer stärker zu Versuchskaninchen seiner Besessenheit wurden. Immer wieder machte er sich daran, in die dilettantische Ästhetik seiner ersten Versuche einzugreifen, machte misslungene Schritte rückgängig und speicherte jeden Zwischenstand ab. Überhaupt liebte Bert das Undo sehr, erlaubte es diese Funktion ihm doch, seiner Kreativität ohne Angst völlig freien Lauf zu lassen, Olt etwa bedenkenlos zu einem unansehnlichen Ungeheuer aufzublasen, ihm schwarzes Fell und grausig leuchtende Augen zu verpassen, um ihn dann mit einem Mausklick wieder in das harmlose Kaninchen zurückzuverwandeln, das er nun einmal war.

Nachdem Bert schließlich so etwas wie Expertise auf diesem Gebiet erreicht hatte, ja sogar bereits die ein oder andere Ausstellung mit seinen digitalen Bildern bestückt hatte, sehnte er sich wieder nach echter Farbe, nach dem beißenden Geruch von Öl und Terpentin. Inspiriert von den teils psychedelisch anmutenden Ergebnissen seines Photoshop-Exzesses, stapfte er am Nachmittag eines regnerischen Tages um 15:24 Uhr endlich einmal wieder in sein ihm so vertrautes Atelier, in sein altes Reich, um eines seiner digitalen Kaninchen in Malerei umzusetzen. Ebenso wie sein prominenter Namensvetter schon 1931 konstatiert hatte, dass der Filmsehende Erzählungen anders liest als derjenige, der keine Filme rezipiert, umgekehrt aber auch der Schriftsteller die filmischen Konventionen in sein literarisches Werk über­nähme, musste Bert nun seinerseits feststellen, dass er nicht nur seine alten Gemälde durch die Brille eines an digitaler Bildbearbeitung Geschulten sah, sondern auch die Arbeitsweise an seinem neuen Projekt der spezifischen Prozesshaftigkeit digitaler Bild­bearbeitung unterlag. Statt seine Vorlage systematisch zu kopieren, legte Bert Ebene über Ebene und verteilte die Farben in großen Mengen auf der Leinwand. Plötzlich hielt er für einen Augenblick inne und betrachtete sein Ergebnis. Er war damit nicht zufrieden, ja sogar ganz und gar unzufrieden. Die letzte, voreilig aufgetragene Farbschicht – ein gebrochenes Dunkelgrün – hatte die Wirkung seines subtilen Farbspiels völlig zerstört. Reflexartig dachte Bert daran, die Transparenz dieser Ebene einfach ein wenig zu mindern oder gar diesen Schritt vollständig rückgängig zu machen. Er torkelte zurück, denn es wurde ihm schlagartig bewusst, dass dies nicht ging, er konnte ihn nicht rückgängig machen – so wie bei seinem Bildbearbeitungsprogramm, an das er sich so sehr gewöhnt hatte. Voll innerer Verzweiflung sah Bert sein Können schwinden und sank erschöpft zu Boden. Eine zähe Müdigkeit überfiel ihn, so dass er innerhalb weniger Sekunden weggenickt war.

Olt, zum sinnbildlichen Opfer des misslungenen Versuchs medialer Transformationen geworden, hoppelte um 19:02 Uhr an Berts gekrümmten Körper vorbei, beschnupperte dessen Gesicht und guckte ihn aus seinen roten Augen vorwurfsvoll an. Der Künstler schreckte aus seinem traumlosen, aber dennoch unruhigen Schlaf hoch, erwiderte Olts Blick mit einer eisigen Kälte, so als sei Olt allein für sein Versagen verantwortlich, und griff wütend nach dem Tier. Ruhig betrachtete er es von allen Seiten, dann schleuderte er es angewidert von sich und brach Olt dabei die Ohren.

Die Referenz auf Bertolt Brecht stammt aus Christopher Balmes Aufsatz „Theater zwischen den Medien: Perspektiven theaterwissenschaftlicher Intermedialitätsforschung“, der 2003 in dem Sammelband Crossing Media erschien. Brechts auf die Intermedialitätsdebatte bezogene Beschreibung des oben genannten Phänomens aus dessen Schrift „Über die Dreigroschen­oper“, die auf der zwanzigsten Seite des Bandes von Balme zitiert wird, inspirierte mich zu vorliegendem Text.