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Die Küchenuhr

Anfang des Jahres habe ich für den Otto-Ditscher-Kunstpreis in einem nächtlichen Marathon drei Illustrationen zu Wolfgang Borcherts Die Küchenuhr angefertigt. Ich hatte die Ausschreibung erst kurz vor der Abgabefrist gesehen und war als frisch gebackene Mutter eigentlich auch vollauf mit anderen Dingen beschäftigt, wollte aber trotzdem unbedingt mitmachen – für einen ewigen Frickler wie mich also eine echte Herausforderung. Leider hat es nicht geklappt (die diesjährigen Preisträger sind Peter Engel aus Regensburg und Sarah Deibele aus Halle). Einen Blogbeitrag haben die drei Bilder gegen Ende des Jahres dann aber doch mal verdient.

Die Bilder habe ich mit Pigmentliner auf Papier gezeichnet. Das Leitmotiv – die Küchenuhr – ist durchgängig auf allen drei Bildern zu sehen. Die von den Leuten ausgesprochenen Kernsätze tummeln sich mit in den Bildern, die gegenseitig aufeinander referenzieren anstatt eine strikte Chronologie einzuhalten.

Bild 1


Der steinige Lebensweg des jungen, doch alt aussehenden Mannes, führt vom paradiesischen Urzustand vorbei am Baum der Erkenntnis; von der Versuchung – der Schlange – heimgesucht beginnt ein Krieg, der Verwüstung und Verletzungen hinterlässt. Allmählich beginnen jedoch wieder Tulpen zu sprießen, die vorsichtig eine erneute, zerbrechlich wirkende Friedenszeit einläuten, in der wir uns – zumindest regional – momentan (noch) befinden.

Bild 2

Die Personen auf der Bank sind bei Borchert sehr unbestimmt, ein Mann, eine Frau, jemand. Daher habe ich mich dafür entschieden stilisierte Typen zu gestalten, einen Hipster, einen Banker und eine Mutter mit einem Neugeborenen. Sie alle leben in ihrer Blase, beschäftigt mit ihren Problemen, unfähig zu erkennen, dass sie handeln müssen, nicht nur zugucken. Sie sitzen im Sonnenschein. Man kann nur hoffen, dass ihnen rechtzeitig ein Licht aufgeht, das Licht, das angeht, wenn die Mutter des Protagonisten die Küche betritt.

Bild 3

Auf diesem Bild nimmt die titelgebende Küchenuhr den gesamten Raum ein, noch in der Küche an der gekachelten Wand hängend. Die Zeiger stehen auf halb drei, einer Zeit, die für den Protagonisten symbolischen Wert besitzt. Das Granatapfelmotiv verweist auf das Paradies, kann der Granatapfel als Symbol für die Einheit in der Vielheit doch als Frucht vom Baum der Erkenntnis gelesen werden.

Mappe


Dasselbe Motiv befindet sich auch auf der Vorderseite der eigens gestalteten Aufbewahrungsmappe, wobei die Uhr hier noch nicht stehen geblieben ist – die Zeiger lassen sich bewegen.

Borcherts sich auf den 2. Weltkrieg beziehenden Text ist nach wie vor aktuell und gewinnt gerade angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen zunehmend an trauriger Relevanz: Die Menschen in den westlichen Wohlstandsländern realisieren wieder einmal nicht, dass sie vergleichsweise paradiesische Zustände genießen. Statt füreinander einzustehen und Solidarität zu leben, grenzen sie sich gegenseitig aus; sie hoffen auf den Eintritt ins Paradies nach ihrem Tod, indem sie für den Dschihad kämpfen, oder wenden sich dem rechten, unrechten Rand der Gesellschaft mit seiner Fremden- und Islamfeindlichkeit zu.

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Bert brecht Olt die Ohren (Künstlerbuch)

Die Geschichte vom Kaninchen namens Olt, das dem Künstler Bert als Modell dient, gibt es nicht nur in der digitalen Welt meines Blogs zu bestaunen, sondern auch ganz real als Künstlerbuch zu erwerben, das ich in einer Kleinstauflage von 5 Stück (+ 1 Artist Print) selbst hergestellt habe, indem ich die Original-Zeichnungen eingescannt, auf Büttenpapier gedruckt, zugeschnitten und mit einem Faden per Hand gebunden habe. Das kleine Büchlein umfasst insgesamt 32 Seiten. Hier ein paar Impressionen:

 

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Ein Kaninchen namens Olt

Vor ungefähr drei Jahren habe ich eine Geschichte über den Künstler Bert und sein treues Kaninchen Olt geschrieben, die ich zur Zeit illustriere und die dann im Zentrum meiner Ausstellung im Braunschweiger Tatendrang-Laden stehen wird, auf die ich mich schon sehr freue. Als eine kleine Vorschau hierauf gibt es nun ein paar „transformierte“ Kaninchenbilder zu sehen – die Anführungszeichen deshalb, da Bert seine Olt-Fotografien digital bearbeitet, ich hier hingegen rein analog mit Bleistiftvorzeichnung und Fineliner gearbeitet habe, um zu verschiedenen Varianten desselben Motivs zu gelangen (ein wenig so wie bei den Bäumen).

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Ein allererster Versuch…

Wer mich kennt, der weiß, dass ich gerne verschiedene Bereiche miteinander verbinde: Handzeichnung und Computergrafik, Kunstgeschichte und Erzähltheorie, Geisteswissenschaft und Informatik. Und nun: Illustration und Visualisierung. Das ist eine Verbindung, über die ich in letzter Zeit viel nachgedacht habe und die ich gerne zu einem größerem Projekt ausbauen möchte.

Ein paar Gedanken hierzu: Manche Texte werden illustriert, manche visualisiert – beides zu einem unterschiedlichem Zweck: Buchillustrationen etwa fügen einem Roman eine bildliche Ebene hinzu, wobei häufig zu beobachten ist, dass diejenigen Handlungsabschnitte eine Illustration erfahren, die Schlüsselszenen darstellen. Visualisierungen hingegen werden genutzt, um Muster oder Zusammenhänge in einem großen und damit unübersichtlichen Datensatz sichtbar zu machen. Illustrationen wie Visualisierungen können also als Transformationen von einem Medium in ein anderes, in diesem Fall von einem Text- in ein Bildmedium begriffen werden. Ich frage mich deshalb: Kann es auch so etwas wie eine Mischform zwischen Illustration und Visualisierung geben?

Natürlich denke ich, dass es eine solche Mischform geben kann, und möchte daher nun meinen titelgebenden allerersten Versuch präsentieren, das erste Kapitel von Lewis Carrolls Alice’s Adventures in Wonderland (1865) nicht nur visuell, sondern tatsächlich bildlich zu veranschaulichen, indem ich Bilder indexikalisch nutze, d.h. jedes einzelne Wort durch ein kleines Bild darstelle. Die Aussage und Wirkung des so entstehenden Gesamtbildes wird dabei stark davon beeinflusst, welche Bilder stellvertretend für welche Worte stehen: Nutzt man z.B. das Gender-Symbol für Alice, einen eigens umgestalteten rotäugigen Playboy-Hasen für das weiße Kaninchen und ersetzt alle anderen Wörter lediglich durch schwarze Kreise, wird beispielsweise unmittelbar die Frage danach aufgerufen, wie sich das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Figuren in Carrolls Text gestaltet, humorvoll (oder vielleicht auch eher fragwürdig) zugespitzt durch die Konnotationen, die mit dem Playboy-Symbol einhergehen; die schwarzen Kreise sorgen zudem für einen (zugegebenermaßen unbedachten) optischen Effekt, beruhend auf einer Kontrastverstärkung.

Alice_Blog

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1/0

Er schüttelte den Kopf. Sie hatten nicht gewusst, wer er überhaupt war. Aber sie hatten ihn geweckt. Sie hatten ihn… befreit. Er grinste in sich hinein, als er daran denken musste, wie er reagiert hatte. Er hatte versucht sich zu erinnern. An sein früheres Leben. An… einen Namen. Aber er war ihm nicht eingefallen. Dieser Ober-Bewahrer, dieser Optap, hatte das gar nicht mal so ungewöhnlich gefunden.

Ich fertige Illustrationen für den Endzeitroman 1/0 von Alexander Klempel an, eine davon ist hier – quasi als Vorankündigung auf eine geplante Veröffentlichung – zu sehen. Der Protagonist der Geschichte, Eins-Null, wird nach einer Katastrophe, welche die Erde heimgesucht hat, aus seiner Schlafkabine befreit. Die sich anschließende Suche nach seiner verlorenen Heimat, die sich als die hoffnungslos scheinende Suche nach der Erfüllung seines eigenen Schicksals entpuppt, ist von einigen hilfreichen, aber auch vielen irreführenden  Begegnungen gezeichnet.